Fatale Rückschritte im Klima- und Umweltschutz

Klima- und Umweltschutz hatten es bisher überaus schwer, einen Platz auf der Dringlichkeitsliste der Politik zu bekommen, nur um ihn dann für andere, unbestritten ebenfalls wichtige Themen wieder räumen zu müssen. Zuletzt war es die Corona-Pandemie und nun ist es der schreckliche Krieg in der Ukraine.
Da in der Folge Getreide aus der Ukraine und aus Russland vorerst nicht mehr zur Verfügung steht, sollen nach der Vorstellung der EU-Kommission nun die wenigen erreichten Schritte wieder kassiert werden: Die (nur!) 4% Ackerfläche mit ökologischem Vorrang sollen wieder bewirtschaftet werden dürfen – wenn es nach dem Willen der Agrarlobby und deren Sprachrohren in der Politik geht, wird dabei die Ökologie gleich ganz über Bord geworfen und dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln freie Bahn eingeräumt.
Artenvielfalt und die Erreichung der Klimaziele haben also einmal mehr nach hinten zu rücken, denn Vorrang soll jetzt die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln haben. Diese Versorgungsicherheit war und ist in der Tat sehr wichtig – vor allem für Menschen, für die diese tatsächlich nicht gewährleistet ist. Das sind einmal mehr die Menschen des globalen Südens, deren Versorgung schon ohne den Krieg in der Ukraine nicht gesichert war. Aber um diese Menschen geht es denen, die die Freigabe der ökologischen Vorrangflächen verlangen, offensichtlich nicht. Denn auf diesen Flächen soll nicht etwa für den menschlichen Verzehr, sondern für Tierfutter bestimmtes Getreide wie Soja und Mais angebaut werden.
Bei Lichte betrachtet geht es also offenbar nur darum, im globalen Norden den Konsum von tierischen Lebensmitteln zu sichern und mit dem, was sich davon hier nicht vermarkten lässt, auch weiterhin die Märkte des globalen Südens kaputt zu fluten – diesmal mit „sozialem“ Anstrich.
Rückschritte im Kampf gegen die Klimakrise können wir uns aber schlicht nicht mehr leisten. Nach dem letzten Bericht des Weltklimarates wird sich bei jeder weiteren Verzögerung von Maßnahmen für den Klimaschutz und für die Anpassung an den Klimawandel das Zeitfenster schließen, in dem noch die Möglichkeit besteht, eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle zu sichern. Schon jetzt sei knapp die Hälfte der Menschheit durch den Klimawandel hochgradig gefährdet. 1
Dabei lässt sich wirkliche Versorgungssicherheit für alle Menschen auf diesem Planeten auch im Einklang mit der Umwelt ohne weiteres gewährleisten, wenn im globale Norden endlich (1) die massenhaft Verschwendung und Vernichtung von Lebensmittel aufhört und (2) sich eine pflanzenbasierte Ernährung durchsetzt:
Für die Erzeugung einer tierischen Nahrungskalorie wird ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien benötigt. 2 Ohne den Umweg über die Produktion tierischer Lebensmittel ließen ich daher weit mehr Menschen sicher ernähren – nur darf fruchtbares Land dann nicht mehr für Futter-, Weide- und Energiepflanzen vergeudet werden. Für kein anderes Konsumgut der Welt wird so viel Land benötigt wie für die Herstellung von Fleisch und Milch. Obwohl nur 17 Prozent des Kalorienbedarfs der Menschheit von Tieren stammt, benötigen sie 77 Prozent des globalen Agrarlands. Knapp zwei Drittel davon sind Weiden, das restliche Drittel ist Ackerland, das durch den Anbau von Feldfrüchten viel besser zur globalen Ernährung beitragen könnte. 3 Erhebliche Unterschiede ergeben sich auch für das immer knapper werdende Gut Wasser: Für die Erzeugung von 1.000 Nahrungskalorien aus Getreide ist rund ein halber Kubikmeter Wasser nötig. Für 1.000 Kalorien aus Milchprodukten sind es dagegen sechs Kubikmeter. 4
Das alles sind keine neuen Erkenntnisse – sie liegen schon lange auf dem Tisch der Politik, wo sie bisher – ganz Agrarlobby- und Industrie-freundlich – ignoriert werden. Und sie liegen so aber auch in jeder individuellen Waagschale bei der Frage: Bin ich bereit, meine Verhaltensweisen und meine Ernährung zu ändern, damit sich alle Menschen auf diesem Planeten jetzt und in Zukunft gut ernähren und in einer lebenswerten Umwelt leben können?
Verändert hat sich bisher indes so gut wie nichts: Regulierende staatliche Eingriffe sind im Bereich Ernährung ein ebenso großes Tabu wie ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, von dem ebenfalls bekannt ist, dass dieses (neben weiteren Vorteilen) eine effektive Maßnahme für den Klimaschutz wäre. Stattdessen sollen es allein Aufklärung und Freiwilligkeit richten.
Allerdings ist die Bereitschaft zur Änderung der Ernährungsgewohnheiten hierzulande ungefähr ebenso groß, wie die Bereitschaft das klimaschädliche Rasen auf den Autobahnen auf freiwilliger Basis zu lassen – d.h. also eher nicht vorhanden.
Wir haben aber schlicht keine Zeit mehr, um weiter auf untaugliche Mittel zu setzen. Ist das vom Weltklimarat benannte Zeitfenster erst einmal zu, dann ist das endgültig. 5 Es braucht daher steuernde politische Maßnahmen, die zu einem raschen Umbau der Landwirtschaft weg von der Fleisch- und Futtermittelproduktion und hin zur ökologischen Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln führen. Dagegen muss lobbygesteuerten und profitgetriebenen Maßnahmen, wie die Aufgabe der ökologischen Vorrangflächen, erst recht weil diese hinsichtlich der damit verfolgten Ziele ohnehin nur geringe Effekte haben könnten, 6 dringend ein Riegel vorgeschoben werden.

Update:
Inzwischen wurde auch der Beitrag der Arbeitsgruppe III zum 6. Sachstandbericht des Weltklimarates veröffentlicht7: Demnach habe es seit dem 5. Sachstandbericht eine konsistente Ausweitung von politischen Strategien und Gesetzen gegeben, die sich mit Minderung von Treibhausgasemissionen befassen. Dies habe zur Vermeidung von Emissionen geführt, die andernfalls entstanden wären.
Das bedeutet, dass Regulierung sich als ein geeignetes Instrument erwiesen hat.
Festgestellt wurde allerdings auch, dass die bisherigen politischen Maßnahmen noch nicht ausreichend sind, weil sie den weiterhin bestehenden Anstieg der Treibhausgasemissionen nicht schnell genug bremsen.
Ohne eine Verstärkung der politischen Maßnahmen, die über die bis Ende 2020 eingeführten
Maßnahmen hinausgehen, würden die Treibhausgasemissionen auch noch über das Jahr
2025 hinaus ansteigen. Das Ziel der Begrenzung der globalen Erderwärmung auf 1,5°C wäre
dann unerreichbar und läge in der Folge im Mittel bei 3,2°C bis zum Jahr 2100.


1 Sechster IPCC-Sachstandsbericht (AR6) Beitrag von Arbeitsgruppe II: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit, Hauptaussagen aus der Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung,
https://www.de-ipcc.de/media/content/Hauptaussagen_AR6-WGII.pdf (02.04.2022)
2 Klapp, Anna-Lena: Food Revolte, 2020, S. 22f
3 Vgl. Heinrich Böll Stiftung, BUND, Le Monde diplomatique, Der Fleischatlas 2018, S. 10f
4 Klapp, ebd. S. 23
5 Vgl. Sechster IPCC-Sachstandsbericht (AR6) Beitrag von Arbeitsgruppe II, ebd.
6 Heinrich Böll Stiftung, Policy Paper – Auswirkungen einer Änderung der Flächenstilllegung in der EU auf den globalen Getreidemarkt, März 2022, S. 9

7 Sechster IPCC-Sachstandsbericht (AR6) Beitrag von Arbeitsgruppe III: Minderung des
Klimawandels, Hauptaussagen aus der Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung,
https://www.de-ipcc.de/media/content/Hauptaussagen_AR6-WGIII.pdf (04.04.2022)